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Archive Bieler Tagblatt / Journal du Jura

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Die Bieler Hilfsaktion für Floridsdorf

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten in den Nachbarländern der Schweiz Mangel und Not. Unter der Schweizer Bevölkerung war die Bereitschaft, den Notleidenden zu helfen, gross. Im Rahmen der "Schweizer Spende" wurde viel Gutes getan. Auch die Bielerinnen und Bieler zeigten ihre Solidarität im Rahmen dieser grossen, auf nationaler Ebene lancierten Hilfsaktion. Darüber hinaus engagierten sie sich für das Wiener Arbeiterquartier Floridsdorf.
 
Floridsdorf 1945: ein Wiener Arbeiterquartier in Not

Bombenangriffe: Am Ende des Zweiten Weltkriegs lagen in Wien über ein Viertel der Gebäude in Schutt und Asche. Im Arbeiterquartier Wien-Floridsdorf betrug der Anteil an zerstörten Gebäuden etwa 50% – die Floridsdorfer Industrien (Lokomotivfabrik, Erdöl-Raffinerie, Rüstungsbetriebe) waren 1944–45 immer wieder Ziel alliierter Bombardements gewesen. Zu den Opfern der Luftangriffe gehörten viele Antifaschisten – Floridsdorf galt 1938–1945 als Hochburg des Widerstandes.

Hunger: 1945–47 litt die Bevölkerung von Floridsdorf nicht nur unter den Zerstörungen, sondern auch unter der ungenügenden Zuteilung von Nahrungsmitteln: Die Nachkriegszeit begann im Mai 1945 mit Wochenrationen von 1000 Gramm Brot, 400 Gramm Hülsenfrüchten, 150 Gramm Fleisch, 125 Gramm Zucker und 50 Gramm Speiseöl pro Person. In den folgenden Monaten besserte sich die Situation nur wenig.

Erste Hilfsaktionen: Die Wiener Behörden bemühten sich intensiv um humanitäre Hilfe. Die Schweizer Spende und die Kinderhilfe des Roten Kreuzes unterstützten 1945/46 über 120’000 Wiener Kinder und Jugendliche. Anfang 1946 entschloss sich auch die Stadt Zürich, in Wien humanitäre Hilfe zu leisten. Als der Wiener Gemeinderat Josef Afritsch im Herbst 1946 in Zürich über die Situation in Wien informierte, befand sich auch der Bieler Otto Kunz unter den Zuhörern. Der Redakteur der Seeländer Volksstimme entschloss sich, zu handeln.


Floridsdorf 1946/47: Die Hilfsaktion der Stadt Biel und des Seelandes
 
Die Vorbereitung und Sensibilisierung: Otto Kunz plante eine überparteiliche, breit angelegte Hilfsaktion für die Bedürftigen in Floridsdorf. Es gelang ihm nicht nur, die Vertreter aller in Biel tätigen Hilfswerke zu überzeugen, sondern auch den Gemeinderat. Die von alt Stadtpräsident Guido Müller präsidierte Hilfsaktion Biel hilft Floridsdorf konnte ausserdem die meisten Gemeinden des Seelandes für eine gemeinsame Sammelaktion gewinnen.
Die Hilfsaktion betonte wiederholt die demokratische Tradition der Floridsdorfer und die Opfer, die ihr Widerstand gegen den Nationalsozialismus gefordert hatte. Vor allem aber informierte sie über die besonders notleidende Jugend von Floridsdorf.

Die Mobilisierung: Die Hilfsappelle fanden ein sehr gutes Echo. Allein in Biel beteiligten sich 1700 Frauen und Schüler an der Sammelaktion, die während mehreren Tagen im November 1946 durchgeführt wurde. Auch Kinovorstellungen und Konzerte wurden für Floridsdorf veranstaltet.
 
Der Erfolg: Am 8. Januar 1947 trafen sechs Bahnwaggons mit Hilfsgütern aus Biel in Floridsdorf ein. Insgesamt konnten über 26 Tonnen Lebensmittel und 21 Tonnen Bekleidungs- und Haushaltgegenstände an die notleidende Bevölkerung verteilt werden. In einer zweiten Phase unterstützte die Hilfsaktion das unter prekären Bedingungen arbeitende Spital von Floridsdorf. Zu einem bleibenden Erfolg wurden die Freundschaftsbande zwischen Menschen der beiden Städte.

Hilfe für polnische Kinder: Ein Teil der gesammelten Hilfsgüter ging an ein Zentrum für tuberkulöse Kinder im polnischen Zakopane. Der Solidaritätsgedanke war noch stärker als die politischen Bedenken, die mit den Anfängen des Kalten Krieges geäussert wurden.
 

AutorIn: Christoph Lörtscher
 
 
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